
Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wann ich die Scuola degli Schiavoni zum ersten Mal besuchte.
Doch an das Gefühl erinnere ich mich sehr wohl.
Als ich eintrat, fühlte es sich an, als wäre ich in die Geschichte eingetaucht.
In der kleinen Halle, mit ihren hölzernen Deckenbalken und den Wandvertäfelungen, erschienen Carpaccios Gemälde wie ein märchenhafter Fries.
Sie waren von der Zeit verdunkelt und schlecht beleuchtet, und dennoch hatte ich noch nie so intensiv das Gefühl, dass hier eine Welt präsent war, die aus der fernen Vergangenheit zu mir sprach.
Die Dalmatiner
Die Scuola degli Schiavoni, heute umbenannt in die Scuola Dalmata di San Giorgio e San Trifone, war eine wohltätige und solidarische Einrichtung für die vielen Dalmatiner, die in Venedig lebten.
Die Verbindung zur Dalmatien, der Region am östlichen Ufer der Adria, hatte uralte Wurzeln, die sogar dem politischen Bund vorausgingen, als die Region zum Territorium des Stato da Mar der Republik wurde. Bereits seit dem 11. Jahrhundert wurde die Uferpromenade vor dem Dogenpalast, wo die dalmatinischen Händler anlegten und ihre Waren verkauften, Riva degli Schiavoni genannt.
In dem intimen Raum der Scuola, der die dalmatinische Gemeinschaft repräsentierte, erweckte Carpaccio einen Bilderzyklus zum Leben, der sowohl erzählerisch als auch poetisch ist.

Sankt Georg
Die drei Leinwände auf der linken Seite erzählen die Legende von Sankt Georg, dem Archetyp des fahrenden Ritters in unserer Literatur und einem tugendhaften christlichen Soldaten.
Während er sich in der Nähe der Stadt Silene befindet, entdeckt der Heilige eine junge Frau – eine Prinzessin –, die dem gefräßigen Drachen geopfert werden soll, der die Stadt terrorisiert und ständig neue Opfer fordert. Ohne zu zögern, stellt sich Sankt Georg dem Ungeheuer entgegen, um die Prinzessin zu retten.
Auf der zweiten Leinwand schleppt Sankt Georg den verwundeten, aber noch lebendigen Drachen auf den Hauptplatz von Silene. Vielleicht hatte er bereits einen Handel mit dem König im Sinn. Tatsächlich wird der Drache erst getötet, nachdem der Heilige dem König das Versprechen abgerungen hat, sich taufen zu lassen – vor den Augen der Menge, die die Kraft des christlichen Kriegers bestaunt.
Auf der dritten Leinwand knien der König und seine Tochter vor Sankt Georg und empfangen die Taufe aus seinen eigenen Händen.
Carpaccio wählt drei Episoden aus der Legende, doch in jeder von ihnen erzählt er noch viel mehr: wertvolle Stoffe mit Palmettenmustern, Blättern und Blumen byzantinischen, maurischen oder chinesischen Ursprungs; Musiker, die bei wichtigen Festen stets präsent sind; christliche und islamische Architekturen. Er zeigt uns den König, bereit, dem Helden seine Tochter zur Frau zu geben; einen überforderten Diener; neugierige Menschenmengen, Pflanzen und Vögel.
Carpaccio wurde als Maler-Erzähler bezeichnet. Man könnte ihn auch einen Geschichtenerzähler nennen, denn zu jeder Szene ließe sich eine Strophe verfassen und laut vortragen.
Manche sehen in Carpaccio die Fähigkeiten eines Regisseurs, der lange Kameraeinstellungen inszeniert. Doch in der Fülle an Details und Geschichten, die jede Leinwand birgt, dominiert im Zentrum stets ein Standbild.
Im ersten Bild ist das auffälligste Element die rote Lanze, die der Ritter führt und die mit einer Bewegung von rechts nach links zuschlägt. Hinter dem Heiligen sehen wir die Prinzessin und auf einem Hügel eine Kirche, zusammen mit anderen christlichen Symbolen. Hinter dem Drachen erkennen wir hingegen eine sarazenische Stadt mit einem Minarett.

Ereo und Ursula: die Verlobten
Ein weiteres Werk Carpaccios, in dem sich in einem Detail ein universeller Moment verbirgt, ist die Begegnung zwischen Orsola und Ereo im Sant’Orsola-Zyklus der Gallerie dell’Accademia.
Die Prinzessin der Bretagne stimmt der Heirat mit dem Sohn des Königs von Britannien zu, unter der Bedingung, dass er zum Christentum übertritt. Nachdem die Abgesandten die Vereinbarungen getroffen haben, reist Ereo in die Bretagne. Zum ersten Mal sehen sich die beiden jungen Verlobten. Wir entdecken sie, fast wie ein Detail, in der großen Leinwand voller Figuren. Sie ähneln sich: schön, blond, edel, gekleidet in kostbare Gewänder und völlig ahnungslos, welches tragische Schicksal sie erwartet. In ihrem ersten Blick erkennen sie einander: Sie gehören zusammen.
Die Intensität dieser Ähnlichkeit, die auf die Vereinigung zweier Seelen in einem einzigen Körper anspielt, wurde schon einige Jahrhunderte zuvor in der Legende von Tristan und Isolde besungen. Es ist die Geschichte eines Prinzen und einer Prinzessin, die durch einen Zufall einen Liebestrank trinken. Um einander zu lieben, brechen sie alle Regeln der Ehre und Anständigkeit – doch gegen die Magie kann man nicht ankämpfen.
In Venedig war die Legende sehr beliebt, dank der Trovatori, jener wandernden Dichter, die sie auf den campi der Stadt vortrugen und dabei ein gefesseltes Publikum anzogen, das ihnen sehnsüchtig lauschte. Ich stelle mir gerne vor, dass eines Tages auch Carpaccio unter ihnen war und dass ihn die Verse des Dichters nie wieder losließen:
Ein Mann, eine Frau; eine Frau, ein Mann:
Tristan, Isolde; Isolde, Tristan.
Hier, in diesem Spiel des Austauschs von Namen und Worten, verwebt der Dichter das Schicksal der beiden edlen Liebenden, die, einander spiegelnd, zu einer einzigen Essenz verschmelzen.
Carpaccio, der Maler von Geschichten, verstand es, den tiefsten und universellsten Gefühlen Gestalt zu geben.

