Salamander 2: Der traurige Edelmann von Lorenzo Lotto

Gentleman by Lorenzo Lotto, 1520s, Gallerie dell’Accademia di Venezia

Blass, ausgezehrt, angespannt; die Augen blicken ins Leere, der Körper lehnt schief gegen den Tisch. Lange Finger blättern mechanisch in einem schweren Kontobuch, während hinter ihm ein Jagdhorn und eine Laute an der Wand hängen und von einer längst vergangenen Lebensphase erzählen: einer unbeschwerteren und sorgloseren Zeit, die der Musik und der Jagd gewidmet war.

Neben diesen Symbolen der Leichtigkeit eröffnet sich durch das offene Fenster hinter ihm eine Hügellandschaft unter einem weiten blauen Himmel, die auf inzwischen eingeschränkte Freiräume hinzudeuten scheint.

Neue Pflichten und Aufgaben erwarten ihn: Auf dem mit einem grünen Tuch bedeckten Tisch liegen die Werkzeuge seines Handwerks—eine Kassette zur Aufbewahrung des Kontobuchs, einige Briefe, ein Siegelring und ein Tintenfass.
Der Zeigefinger seiner rechten Hand schwebt knapp über einem Brief, der sich von den anderen unterscheidet: Er wurde geöffnet und wieder zusammengefaltet und liegt nun zwischen verwelkten Rosenblättern. Vielleicht ein Zeichen einer verlorenen Liebe, einer verblühten Verbindung.

Im Gesicht und in der Haltung dieses jungen Mannes spricht alles von Resignation und innerer Unruhe. Das Licht hebt die scharfen, traurigen Gesichtszüge hervor und verstärkt das Gefühl einer tiefen inneren Einsamkeit.

Auf dem blauen Schal, der achtlos über den Tisch gelegt ist, taucht an der Stelle, wo der Stoff sich wölbt, ein kleiner Salamander auf. Sein Hals streckt sich zum jungen Mann hin und bildet eine parallele und entgegengesetzte Spannung zu der seines Fingers.
Es ist eine bogenförmige Bewegung wahrnehmbar, die von der rechten Hand ausgeht, die verstreuten Blütenblätter auf dem Tisch durchläuft und in dem Salamander gipfelt, der den Blick zur linken Hand und den Seiten des Buches lenkt.

Man hat den Eindruck, Zeuge einer Ursache-Wirkungs-Beziehung zu sein: eine enttäuschte Liebe, die den jungen Mann dazu bringt, nach einer neuen Orientierung im Leben zu suchen. Doch trotz der Melancholie, die das Werk durchdringt, deutet die Anwesenheit des Salamanders darauf hin, dass der Protagonist seinen Schmerz ertragen und in der Hingabe an die Arbeit Kraft und Zuflucht finden wird.

Die Farbpalette beschränkt sich auf wenige kühle Töne—Blau und Grün—die eine Atmosphäre unruhiger Ruhe schaffen. In einem Großteil der Komposition überwiegen jedoch dunkle Farben—das schlichte Gewand, der Hintergrund—die zur Dramatik des blassen, leidenden Ausdrucks des jungen Mannes und zur Strenge des Umfelds beitragen.

Dank seines tiefen psychologischen Einfühlungsvermögens und seiner Fähigkeit, die subtilen emotionalen Nuancen seiner Auftraggeber wahrnehmbar zu machen, nimmt Lorenzo Lotto einen herausragenden Platz in der Geschichte der Renaissancekunst ein. In einem kulturellen Klima, das die menschlichen Leidenschaften feierte, waren es oft die Auftraggeber selbst, die ihre innersten Gefühle in Porträts offenlegen wollten, die von den Besuchern ihrer Häuser betrachtet und bewundert werden sollten.

So vertraut sich der Junge Edelmann der Hand des Künstlers an, um einen unauslöschlichen Moment seines Lebens festzuhalten.

Das Porträt, das vielleicht einst an einer Wand des Palastes hing, blieb ein greifbares Zeugnis einer schmerzlichen Entscheidung und einer Qual, die Lorenzo Lotto in ein Bild von außergewöhnlicher Ausdrucksstärke verwandelte und so die innere Qual des Protagonisten für die Ewigkeit festhielt.

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