Michael Armitage: The Promise of Change in Palazzo Grassi. (Aber das Paradies ist woanders)

Im Palazzo Grassi ist derzeit eine Ausstellung Michael Armitage gewidmet, geboren in Nairobi als Sohn einer kenianischen Mutter und eines englischen Vaters, aufgewachsen in Afrika und ab der Adoleszenz in London, wo er an der Royal Academy ausgebildet wurde. Seine Werke erzählen vom heutigen Kenia.

Ich komme zur Ausstellung, als hätte ich ein Versprechen in der Tasche — doch es ist ein Versprechen, das die ersten Säle zugleich halten und brechen. Die Leinwände sind groß, die Farben warm und betörend; die Erzählungen oft grausam.

Im Saal mit Blick auf den Canal Grande, dem hellsten von allen, bleibe ich zwischen zwei Fenstern vor einem Werk stehen, das kleiner ist als die anderen: Eine kreisförmige, hypnotische Bewegung konzentrischer Kreise hebt eine Mutter und ein Kind in eine himmlische Spirale empor. Es könnte eine weltliche Himmelfahrt sein, wäre da nicht eine ferne Gestalt im Hintergrund — wie ein Heiliger, der das Gleichgewicht verloren hat und vom Wind davongetragen wird.

In dieser Mutter, deren Beine in das Blau des Himmels ragen, erkenne ich etwas. Vielleicht weil gleich auf der anderen Seite des Wassers, in Ca' Rezzonico, Tiepolos Engel schweben — jener freudvolle Maler nackter, strampelnder Beine. Oder vielleicht weil ich, wenn ich zur vergoldeten Decke aufblicke, eine triumphierende Justitia auf Wattewolken ruhen sehe, bewegt von einer Brise, die den Wirbel darunter widerspiegelt. Ich wende mich wieder der Frau mit dem Kind vor mir zu. Sie hat nichts von der Leichtigkeit einer in den Himmel auffahrenden Madonna — im Gegenteil: Schaut man genau hin, scheint sie sich beim Aufsteigen abzumühen. Von diesem Punkt an will ich keine Fragen mehr stellen. Die vorherrschende Farbe in den anderen Leinwänden ist Blau: schäumende, wilde Meere, Körper die darüber treiben. Ich kann nicht mehr so tun, als würde ich es nicht verstehen. Ein überfülltes Boot. Ein Mann streckt den Arm aus, um sein Kind über einer Landschaft zu halten, die bereits unter Wasser versunken ist.

Ich lese die Bildunterschrift — der einzige Weg, über die Malerei hinauszugehen. Der Saal mit Blick auf den Canal Grande ist Lampedusa gewidmet, oder vielmehr jenen, die Lampedusa nie erreicht haben. In diesem Meeresabschnitt gibt es keine Madonnen.

Ich darf mich nicht von Armitages sanften Farben täuschen lassen: das Grün, das ein üppiges Afrika heraufbeschwört; die Rottöne, Gelb- und Orangetöne der Menschenmassen; Körper aus transparenten Pinselstrichen, die mit der Natur selbst verschmelzen. So verführt Armitage: Er wirft einen verlockenden Köder aus und schleudert einen dann in die Tragödie. Und er tut es konsequent bereits im ersten Saal, wo eine Frau mit Boxhandschuhen im Ring von monströsen, traumartigen Gestalten hinter ihr heimgesucht zu werden scheint. Es ist das Porträt von Conjestina Achieng, der gefeierten Boxweltmeisterin — der ersten afrikanischen Frau, die einen Weltmeistertitel errungen hat. Die Presse hat sie wegen ihrer psychischen Erkrankung vernichtet.

Und dann ist da der Mann mit dem rot bemalten Mund wie bei einem Clown, halb geschlossenen, wilden Augen und einem Autoreifen um den Hals. Ich schaue mich um und sehe, dass ich nicht die Einzige bin, die ihn anstarrt. Dieses Werk lässt sich nicht hinter sich lassen. Ich suche die Bildunterschrift. Sie beschreibt den Horror einer Lynchjustiz, der der Künstler als Kind im Südafrika der Apartheid beiwohnte. Der Opfer wurde ein mit Benzin getränkter Reifen umgeworfen und angezündet. Das also sind diese rötlichen Lichtscheine.

Ich kenne Afrika nur aus Romanen und der Kunst und bin durchdrungen von jener tief verwurzelten europäischen Faszination für das Exotische. Armitage weiß das und wendet es gegen mich. Er tut es, indem er eine vertraute und verführerische Bildsprache verwendet und Gauguin, Manet, Goya und Picasso ohne Vorbehalt zitiert. Wie in der Gruppe nackter Männer vor einem Hintergrund in Brauntönen, wo goldene Akzente auf den Genitalien unweigerlich den Blick anziehen. Es sind Jungen, die sich für Touristen in Mombasa prostituieren. Ein Kontrapunkt zu Picassos Badenden.

Und dann die ungeordnete, chaotische Menschenmenge während der Wahlen von 2017. Mehr als festlich wirkt sie wie eine Menge im Delirium, die Versprechen für Wahrheiten hält. Warum täuschen wir uns immer wieder?

Auf irgendeine Weise täusche ich mich auch. Ich lasse mich von Armitages meisterhafter Malerei überlisten, von seiner rasenden Menge mitreißen, von den nie grellen Farben, den chorischen Szenen. Doch mit jeder Bildunterschrift kühlt die Begeisterung ab.

Jede Szene verweist auf Lynchmorde, Armut, Prostitution, Gewalt, Drogen, Tod. An einem gewissen Punkt verliere ich das Vertrauen. Ich könnte vor der Leinwand stehenbleiben und keine weiteren Informationen suchen. Ich könnte auf der Schwelle verharren. Stattdessen lese ich weiter.

Ich trete näher an die Leinwand heran: Es gibt Löcher, die die Pinselstriche zerfressen, und lange erhabene Wülste wie Narben, die ihr etwas Organisches, Taktiles verleihen. Dies ist kein Leinengewebe, sondern Lubugo — ein Stoff aus ugandischer Tradition, der in manchen Kulturen noch heute mit Begräbnisritualen verbunden ist. Er wird aus der abgeschälten Rinde des Feigenbaums gewonnen, die dann erweicht, geschlagen und bearbeitet wird. Der Stoff bleibt unvollkommen; der Pinsel muss mit seinen Rillen und Rissen Kompromisse eingehen. Armitage hatte vor einigen Jahren auf einem Souvenirstand einige Stücke gefunden. Dieses Material wurde für ihn zum Körper, auf dem er die Geschichte des heutigen Kenia schreibt — eines Landes, das der britische Kolonialismus mit noch offenen Wunden hinterlassen hat.

Es scheint als ob Armitage, 1984 geboren, mit seiner afrikanischen und europäischen Identität, diese Impulse in sich trägt.

Ich denke an die Boxerin zurück. Vielleicht lud sie mich ein, mit ihr in den Ring zu steigen aber auf den Hut zu sein: Die Schläge kommen unerwartet und unterhalb der Gürtellinie.

Erst gegen Ende der Ausstellung habe ich aufgeatmet. Landschaften aus vielen feinen Pinselstrichen, die eine fast dreidimensionale Tiefe verleihen. Doch die unerbittlichen Bildunterschriften erzählen von fragilen Ländern, von Menschen umkämpft, von Krieg oder Umweltverschmutzung bedroht.

Das letzte Werk zeigt einen schlafenden Mann. Sein Gesicht verdoppelt sich wie eine Maske und schwebt im Raum. Es trägt den Titel You, Who Are Alive — und scheint zu sagen: Ich habe meinen Teil getan. Jetzt seid ihr an der Reihe.

Zumindest ist das, was ich verstanden habe.

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